Militante Fußgänger

Da sag doch nochmal jemand, Fußgänger oder Wanderer seien friedliebende, freundliche Wesen. Von wegen. Heute traf ich ein besonders ausfallend werdendes Exemplar, welches ich, so es nicht durch meine gute Erziehung verhindert worden wäre, ohne zu Zögern am Wegesrand hätte verrecken lassen. Ehrlich.

Über den Konflikt zwischen Fahrradfahrern und Fußgängern ist bestimmt schon an anderer Stelle vortrefflich gestritten worden, und jeder hat dazu seine Meinung. Für den einen sind Fahrradfahrer rücksichtslose Idioten, die viel zu schnell und riskant ihre Zweiräder wie Geschosse um die Beine der friedliebenden Spaziergänger zirkeln, für die anderen sind Fußgänger träge Zeitgenossen, die, obwohl man doch geklingelt hat, entweder zu wenig Platz machen, oder schlimmstenfalls das Klingeln einfach zu ignorieren scheinen und unvermittelt mitten auf dem Weg stehen bleiben.
Ich war sehr lange Fußgänger, bin es auch immer noch, aber hab immer für ein faires Miteinander plädiert. Schließlich kommt nur auf diese Weise jeder halbwegs stressfrei an sein Ziel. Jetzt, wo ich öfter Fahrrad fahre, erlebe ich, dass auch aus der anderen Perspektive nicht alles Gold ist, was glänzt.

Heute zum Beispiel, an einem sonnigen Sonntag im Frühling, wo naturgemäß alle und am besten gleichzeitig raus gehen wollen, begegneten mir auf meiner Fahrt viele Fußgänger. Die meisten machten Platz, manche grüßten, und auch ich bin gut erzogen, und wenn jemand extra für mich einen Schritt beiseite geht, dann bedanke ich mich auch ganz höflich.
Ein Ehepaar, sie klein und zierlich, er eher von stattlicher Gestalt, reagierte auf mein Klingeln nun überhaupt nicht. Der Weg war breit genug, ich hätte auch so an ihnen vorbei fahren können. Wenn aber nun jemand so überhaupt nicht reagiert, klingele ich lieber noch ein zweites Mal. Nicht, weil sie unbedingt auf die Seite gehen sollen, sondern weil ich sicher gehen möchte, dass keiner von beiden, erst recht nicht der Dicke, aufgrund eines plötzlichen Ausfallschrittes in mein Vorderrad stolpert und eine unschöne Kollision verursacht. Denn dann würde es garantiert heißen: hätten Sie mal geklingelt, dann wäre das nicht passiert. Nun tragen Sie eine Mitschuld, Sie unverantwortlicher Fahrradfahrer. Also: ein dezentes zweites Klingeln reicht zur Ankündigung meines Überholmanövers. Dass jemand zur Seite schreitet, nachdem er mich bis jetzt schon ignoriert hat, davon gehe ich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr aus. Der Weg ist ja, wie erwähnt, im Grunde auch breit genug.

Was aber dann passierte, war: ich wurde böse beschimpft. Warum ich denn klingeln würde, der Weg wäre doch sooo breit und ich solle mich doch nicht so anstellen, oder hätte ich mein Gefährt nicht unter Kontrolle? Innerhalb von Sekundenbruchteilen stieg in mir die Wut hoch.
Wenn alles in Zeitlupe abgelaufen wäre, hätte ich angehalten, dem fetten Idioten die Meinung gegeigt und folgendes gesagt:
Wenn Sie Fahrrad fahren würden – wofür Sie aber wahrscheinlich viel zu fett sind – wüssten Sie, dass sich 50 Prozent der Fußgänger über das Klingeln aufregen, und 50 Prozent regen sich auf, wenn man nicht klingelt. An ihrem Hinterkopf kann ich nicht erkennen, zu welcher Gruppe Sie gehören. Und um zu verhindern, dass Sie mir, wenn ich nicht geklingelt hätte, ins Fahrrad laufen und eine unschöne Delle hinterlassen, habe ich auf mich aufmerksam gemacht. Ich erwarte nicht, dass Sie aus dem Weg gehen. Wenn Ihre Masse erstmal in Bewegung ist, verstehe ich, dass es schwer ist mit einer Kursänderung um wenige Grad. Ich wollte schlicht auf mich aufmerksam machen, denn ich bin – im Gegensatz zu Ihnen – von zierlicher Gestalt, und nicht so gut gepolstert wie Sie. Nun, da ich aber weiß, wessen Geistes Kind Sie sind, merke ich mir Ihre hässliche Visage, Sie fetter Sack, und wenn ich Sie aus zwei Kilometern nochmal von hinten sehen sollte, gebe ich Gas ohne zu Klingeln, und dann säbele ich Ihnen im Tiefflug das Toupet von der Hirse.

Es wird Zeit, dass eine technische Möglichkeit der Gedankenübertragung erfunden wird. In Bruchteilen einer Sekunde hätte ich dem Typ diesen Inhalt übermittelt und ihn damit im Regen stehen gelassen. Da es aber bisher leider keine Gedankenübertragung gibt, konnte ich ihm all das nicht vermitteln. Was ich statt dessen tat, und ich bin ein bisschen stolz auf mich: ich habe mich schnell umgedreht und ihm zugerufen:

Halt die Fresse Du Idiot!

Erstens sehe ich den eh nie wieder, und zweitens brauche ich solche Leute nicht, um zufrieden zu sein. Drittens: er hat angefangen. So. Und jetzt zum Schluss noch was zur Beruhigung. Der Weg ist doch wirklich breit genug, oder?