Was unterscheidet einen kleinen und unbedeutenden Schritt von einem, der wirkliche Veränderungen mit sich bringt? Macht man den kleinen unbedachter? Stolpert man in die vermeintlich unbedeutende Entscheidung mehr hinein, als dass man sich aktiv dafür entscheidet? Wird einem manchmal gar erst später bewusst, dass ein kleiner Schritt dennoch wirkliche Veränderung mit sich bringt? Und was macht man dann, denn schließlich hat man den Schritt ja schon hinter sich gebracht?
Manchmal gibt es wohl solche Punkte im Leben, an denen man erst später merkt, welches Veränderungspotential für das eigene Leben in ihnen steckt, wenn man sowohl die Entscheidung, als auch die Umsetzung des ersten, vermeintlich kleinen Schrittes, bereits hinter sich gebracht hat. Im besten Fall ist man auch dann noch froh über die Entscheidung zum ersten Schritt.
So wie in meinem Fall.
Ob ich mir vorstellen könnte, mit einer Partnerin zusammenzuziehen, und es mir gelänge, mit ihr meine eigene Zukunft vor dem inneren Auge auszumalen? Diese Frage hätte ich vor einem Jahr noch mit nein beantwortet. Mit dem Zusatz: ich wünsche es mir sehr, aber die Hoffnung darauf habe ich zu einem Großteil aufgegeben.
Ob ich mir vorstellen könnte, mein eigenes, in vielen Jahren konstruiertes Leben, vom Fundament an aufwärts umzubauen, damit jemand darin den Platz einnehmen kann, den er verdient und den ich mehr als gerne bereit bin, ihm zu geben? Auch diese Frage hätte ich ebenso mit nein beantwortet. Mit dem Zusatz: wer soll da schon kommen, und, mit Nachdruck: wieso sollte jemand anders dazu bereit sein, dies zu tun wollen, mit mir, ganz losgelöst von meiner Bereitschaft, ihm den Platz geben zu wollen?
Nun findet dieser Umbau statt. Ganz unvermittelt. Ohne großes Tamtam, ohne einen Paukenschlag. Es passiert einfach. Meine Vorfreude könnte kaum größer sein. Die Wohnung ist gekündigt, die Waschmaschine im Internet kostenlos verscherbelt, weil sie noch nicht einmal für einen Zehner einen Abnehmer fand, sich die Leute bei einer Anzeige mit dem Zusatz “Zu verschenken“ aber dann doch plötzlich melden. Der neue Mietvertrag ist unterzeichnet und die ersten Umzugskartons stehen parat.
Aber wie zieht man um? Was packt man ein, was wirft man weg? Welche Bedeutung haben Gegenstände, die man Jahre, manchmal sogar Jahrzehnte mit sich herumgeschleppt hat, ohne sie in die Hand genommen zu haben. Muss man sie aufheben, weil sie so lange in Schränken oder Regalen herumhingen, nur um des Aufhebens willen. Oder kann man die Gelegenheit nutzen und sich ihrer entledigen, in der Annahme dass man sie später nicht doch noch vermisst. Mit dieser Frage ist es wohl so wie mit dem eingangs erwähnten Schritt: man kennt die Konsequenz nicht, man merkt es erst, wenn die Entscheidung, die Gegenstände zu behalten, oder sich ihrer zu entledigen, umgesetzt ist.
Viel wichtiger in diesem Zusammenhang ist aber, dass sich das Große, also der Umzug in ein neues Leben, gut anfühlen muss. Er muss einem ein Lächeln ins Gesicht und in die Seele zaubern. Gleichzeitig. Dann erscheinen Kleinigkeiten wie der alte, seit Jahren defekte CD-Player – ja, manche Menschen haben sowas noch – vollkommen nebensächlich. Ob man ihn aus nostalgischen Gründen aufhebt oder zum Recyclinghof bringt, ist dann nicht mehr die entscheidende Frage. Natürlich bringt man ihn weg, auch wenn man darauf in der eigenen Jugend viele Stunden lang immer wieder die selben CDs mit den damaligen Lieblingsliedern hörte. Natürlich bringt man ihn weg, weil man ihn seit Jahren nicht mehr benutzt hat, natürlich bringt man ihn weg, weil er selbst mit dem Zusatz “Zu verschenken“ im Internet keinen Abnehmer mehr finden würde.
Aber das alles ist nicht der entscheidende Punkt. Der Punkt ist: es beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Ohne die Gewissheit zu haben, dass das Ende der Geschichte ein gutes wird, begibt man sich auf einen Weg, von dem man sich erhofft, dass es nach der nächsten Weggabelung noch schöner weitergeht als es im Moment eh schon ist. Man verlässt sich auf ein Herzgefühl. Man liebt einen Menschen und versteht nicht wirklich, warum dieser Mensch aktiv an der gemeinsamen Zukunft arbeitet. Das erzeugt ein unbeschreibliches Glücksgefühl in einem selbst, und man hofft, dass dieser Mensch irgendwie die gleichen Gefühle für einen selbst aufbringt, die man diesem Menschen entgegenbringen und zeigen möchte. Ohne dass es dafür eine Gewissheit gibt. Und ohne dass man versteht, warum dieser Mensch einem Zuneigung und Liebe entgegenbringt, denn ein so toller Hecht bin ich nun wirklich nicht. Vielleicht ist es andersherum aber genau so. Vielleicht denkt sie das auch von sich, und trotzdem steigen meine Zuneigung, meine Liebe, und der tiefe Wunsch, etwas schönes, langfristiges, wunderbares aufzubauen, von Tag zu Tag unaufhörlich weiter. Man müsste in den Kopf anderer Menschen schauen können. Kurz öffnen, reinsehen, zumachen. Nichts verändern darin, sondern nur ansehen, um selbst besser verstehen zu können. Aber vielleicht nähme das auch die positive Spannung aus der ganzen Sache.
Ich möchte für sie die beste Version meiner selbst sein. Und selbst das reicht nicht aus, weil ich denke: „es gibt so viele bessere, da muss ich noch besser sein“. So spricht der erprobte Pessimist in mir. Sich aber nicht darauf einzulassen, nicht jeden Tag ein Stückchen besser sein zu wollen als am Vortag – liebevoller, zärtlicher, einfühlsamer, fürsorglicher, im positiven Sinn reizvoller – das ist keine Option. Das sagt der Teil von mir, der lächelt, wenn sie im Raum ist, der sie vermisst wenn sie nicht greifbar ist, und der ihr Kraft geben möchte, wenn sie selbst keine mehr hat.
Ich liebe sie. Und irgendwas mag sie auch an mir, auch wenn ich nicht genau weiß, was es ist.
Möchte jemand ein paar CDs oder DVDs haben? Einen Tisch mit ein paar Stühlen? Oder vielleicht eine Waschmaschine? Ach nee, die ist ja schon weg.